Professionell Sprechen

Mein erstes Hörspiel werde ich nie vergessen. Ich hatte die Schauspielschule gerade beendet und einer meiner ersten Filme „Kommt Mausi raus“ war im Fernsehen gelaufen. Plötzlich kam die Anfrage vom WDR: ob ich die Hauptrolle in einem Hörspiel sprechen möchte? Ich hatte schon als Kind beim Hessischen Rundfunk gearbeitet, beim „Schulfunk“, so hieß das damals, ich weiß gar nicht, ob es diese Kategorie noch gibt. Dort hatte ich immer mal kleine Rollen gesprochen, meist hießen sie „Kind“ oder „Schülerin“. Ich konnte anfangs noch nicht lesen und man musste mir meinen Text vorsprechen. Ich erinnere mich, dass ich bei einem der ersten Male der Meinung war, dass ich meinen Text nach der Probe nicht mehr sagen müsse, denn „ich hab das doch gerade schon gesagt“. Wie der Regisseur mich dann doch dazu brachte, den Text nun auch für die Aufnahme zu sprechen, weiß ich nicht mehr, aber ich vermute, dass es irgendeine Form der Bestechung war, ein Eis oder ähnliches, das mich schlussendlich überzeugte.

Ich liebe Hörspiele – als Sprecherin und als Hörerin!

Hörspiel war immer etwas unerreichbar Fernes gewesen, ein Sehnsuchtsort, das „echte“ Sprechen. Ich liebe Hörspiele – als Sprecherin und als Hörerin! Und nun war sie da, die erste Anfrage und natürlich sagte ich innerlich jubelnd sofort zu. „Dirty Glissando“ hieß das Stück, ein verrückter, leicht dadaistischer Text von Martin Kluger. Ich liebe dieses Hörspiel nach wie vor, ich kann nur empfehlen, es sich anzuhören. Wo sonst hätte man mal die Gelegenheit, einen aufstrebenden Geiger beim Zähneputzen zu belauschen? Viktor Neumann spricht hier den Geiger Ramon, die wunderbaren Schauspieler*innen Kati Karrenbauer, Lola Müthel, Gisela Trowe und Alois Garg sind ebenfalls mit von der Partie. Regisseur war Thomas Werner. Seither habe ich unzählige Hörspiele und Features gesprochen, viele davon waren toll geschrieben, rasant inszeniert, mit großartigen Kolleg*innen besetzt. Aber dieses erste Mal ist eben das erste Mal und hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.

Wie spricht man „wie ein Profi“?

Seit ich coache, wenden sich Menschen an mich, die besser sprechen wollen. Die einen möchten für ihren Podcast professioneller klingen, die anderen wollen sich als Profi-Sprecher in den Studios ihrer Stadt versuchen und die dritten wollen bei einer anstehenden Präsentation überzeugender wirken.

Manchmal wissen sie schon genau, wo ihr Problem liegt: „Ich höre immer wieder, ich würde nuscheln“, erzählen sie mir, oder: „Ich weiß, ich spreche zu leise“. Einige sind mit dem Klang ihrer Stimme nicht zufrieden und wünschen sich eine tiefere, „wohlklingendere“ Stimme. Eine Stimme lässt sich trainieren wie ein Muskel. Wenn wir sie auf Sparflamme nutzen, leise und monoton auf einer Tonhöhe sprechen, dann wird die Stimme faul. Warum sich anstrengen, wenn es doch bisher auch so ging, scheint sie uns zu fragen? Es ist ähnlich, wie der Körper nach dem Winter fragt: warum joggen? Es ging doch auch so! Und ähnlich wie beim ersten Joggen nach längerer Pause fühlt sich auch die Stimme seltsam an, sie klingt fremd, wenn wir nun plötzlich lauter sprechen, energetischer, abwechslungsreicher. Dieses Stadium gehört dazu, wenn wir ein eingeschliffenes Muster durchbrechen wollen. Ein Muster, das ja möglicherweise einmal sinnvoll war. Doch die Lebensumstände haben sich geändert, wir selbst haben uns geändert, und nun wollen wir vielleicht nicht mehr als schüchtern, zurückhaltend oder nicht-weisungsbefugt wahrgenommen werden, sondern im Gegenteil klar, entschieden und überzeugend. Das bedeutet nicht, dass wir über andere hinwegreden oder sie nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Doch nur, wenn wir unsere Präferenzen auch ausdrücken, wenn wir gehört werden, kann ein wirklicher Austausch entstehen und die beste Lösung gefunden werden.

Auch Profi-Sprecher und -Sprecherinnen haben ihr Handwerk gelernt

Die gute Nachricht ist: all das lässt sich lernen. Auch Profi-Sprecher und -Sprecherinnen haben ihr Handwerk gelernt. Das richtige Atmen, der Einsatz der Stimme, die Artikulation sind Ergebnis eines regelmäßigen Trainings. Wer nur mal schnell für den Auftritt am Mittwoch mit einer tollen Stimme glänzen will, der wird feststellen, dass es ganz so schnell meist nicht funktioniert. Wir haben uns unseren Stimm-Einsatz schließlich über Jahre angewöhnt, nun lässt sich nicht alles in zehn Minuten umkrempeln. Dennoch ist eine gute Stimme kein Hexenwerk. Wichtig ist, dass Übungen zur Verfügung gestellt werden, die zum eigenen Atem- oder Stimmproblem den passenden Hebel bieten. Und dann heißt es, wie schon in meinem Bloggpost zum Thema Beharrlichkeit angesprochen: üben, üben, üben.